Wie Dr. Sommer

Jede Woche einmal sehen wir den umgebauten Krankenwagen des Projekts HundeDoc vor dem Klik parken, einem Anlaufzentrum für Jugendliche ohne Obdach. Jeanette Klemmt ist Tierärztin und seit sage und schreibe 14 Jahren für die Belange der kleinen Vierbeiner da, die den jungen Erwachsenen gehören.

Für ihre Leistungen – nicht nur als Tiermedizinerin, sondern vor allem als Beraterin und Seelsorgerin – erhielt sie 2006 die Bundesverdienstmedaille. Wir finden dieses Projekt in unserer Nachbarschaft wirklich klasse und haben uns mit Frau Klemmt kurz vor ihrem Arbeitsbeginn unterhalten.

rotor218: Frau Klemmt, was genau ist das Projekt HundeDoc eigentlich?

Das Projekt HundeDoc ist angesiedelt bei der Stiftung SPI, was für „Sozialpädagogisches Institut Berlin“ steht, und das gibt es seit Januar 2000. Ziel ist die tiermedizinische Grundversorgung der Tiere – in den meisten Fällen Hunde – von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die (hauptsächlich) auf der Straße leben. Nicht alle sind wirklich obdachlos, manche „nur“ von Obdachlosigkeit bedroht. Sie müssen sich zwingend in sozialpädagogischer Betreuung befinden. Ich bin also nicht für sämtliche sozial schwachen Tierhalter Berlins zuständig.

Das ist uns ganz wichtig. Und deswegen müssen sie sich in den kooperierenden Einrichtungen anmelden, wie zum Beispiel hier im Klik. Ich kann ja natürlich nicht die Szene in Berlin im Überblick haben. Wir haben uns damals die Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Zielgruppe ausgesucht, weil die die meisten Probleme bereitet haben. Ältere bewegen sich nicht so im öffentlichen Raum oder sagen wir mal so: fallen da nicht so zur Last. Die Jungen sind doch eher auf Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen anzutreffen und wissen sich da nicht immer so zu benehmen. Und da die meist kein Geld haben, mit ihren Tieren zum Tierarzt zu gehen, entstand halt die Idee, dass ein Tierarzt zu ihnen hinkommt.

So fing es damals an und schlug ein wie eine Bombe! Aber es war über die ganzen Jahre immer die Frage, wie es finanziert wird. Es ist zu hundert Prozent privat gesponsert. Wir kriegen keine Gelder aus öffentlicher Hand.

rotor218: Was hat Sie dazu bewogen, bei diesem Projekt mitzumachen?

Ich war damals Berufsanfängerin, als mir die Idee zu Ohren kam, und ich dachte, das wäre ein guter Einsteigerjob. Man fühlt sich ja in der Regel immer ein bisschen ahnungslos, wenn man frisch von der Uni kommt. Ich konnte nicht ahnen, dass das dann mein Leben ausmachen würde. Provisorien halten ja bekanntlich am längsten.

Ansonsten ist es halt ein Tierarztjob. Die Tiere können nichts dafür, bei wem sie landen, und ich habe keine Diskussion ums Geld, weil sie hier ja nichts zahlen müssen. Nichtsdestoweniger mache ich sie natürlich schon darauf aufmerksam, was es alles kostet. Um sie darauf vorzubereiten, was denn später auf sie zukäme, wenn es das Projekt nicht mehr gibt oder wenn sie irgendwann mal ihr Leben wieder in der Griff gekriegt haben. Oder einfach nur, um ihnen klarzumachen, das war jetzt ganz unüberlegt sich hier diesen Hund anzuschaffen.

rotor218: Neben der tierärztlichen Tätigkeit sind Sie auch eine Art Seelsorgerin. Mit welchen Anliegen kommen die jungen Menschen am häufigsten zu Ihnen?

HundeDoc ist nicht nur die Grundversorgung, sondern halt auch viel Beratung, Erziehung mitunter – und zwar nicht der Tiere, sondern der Menschen (lacht).

Die Jugendlichen kommen mit allen möglichen Anliegen. Der Hauptgrund ist, dass hier irgendetwas benötigt wird. Aber je nachdem, wie gut wir uns verstehen – manchmal ist es auch eine Frage der Sprachbarriere, weil ich viele mit Migrationshintergrund unter meinen Klienten habe – wenn das Vertrauensverhältnis einigermaßen stimmt, fragen sie mich alles, was im Leben eines jungen Menschen von Interesse sein könnte. Manchmal komme ich mir tatsächlich vor wie ein Seelsorger oder wie Dr. Sommer von der Bravo. Es ist alles dabei.

Es kann aber auch sein, dass ich gar nichts über meine Klienten weiß, weil sie nichts von sich preisgeben. Wenn ich ihnen insofern mit Respekt begegne, als ich sie für das Leben, das sie führen, nicht verurteile, nehmen sie auch mal Kritik an, wenn es darum geht, dass ihr Leben schlecht für’s Tier ist.

rotor218: Welche Rolle spielen die Tiere für die Jugendlichen?

Im Prinzip – wie für jeden Tierbesitzer – ist der Hund, aber auch die Katze ein Sozialpartner. Und eben häufig jemand, mit dem es sich wesentlich einfacher zusammenleben lässt als mit einem anderen Menschen: Der Hund ist einfacher, weil er bedingungslos liebt.

Dass sie sich an anderer Stelle ihr Leben auch verkomplizieren, wollen sie natürlich nicht wahrhaben, Beispiel Wohnungssuche, Ausbildungsplatz oder Therapieplatz. Weil man hier viel mit Drogen- und Alkoholabhängigen zu tun hat. Auf der anderen Seite können wir niemanden daran hindern, sich Tiere anzuschaffen. Es sei denn, sie verstoßen ganz eklatant gegen das Tierschutzgesetz oder sind unter 16 Jahre.

Man muss sich darauf konzentrieren, dass die Tiere ihnen eine Menge Halt und vor allen Dingen ihrem Tag eine gewisse Struktur geben. Häufig besteht die Tagesstruktur nur daraus, wo man die Droge herbekommt und dann, wo man das Geld für die Droge herkriegt. Oder umgekehrt – ein Teufelskreis. Wenn der Hund noch da ist, dann haben sie wenigstens noch einen Blick darüber hinaus. Im Großen und Ganzen ist es eher von Vorteil, dass sie die Tiere haben. (VG)

 rotor218-Dr_Sommer_02

rotor218-Dr_Sommer_05

Jeanette Klemmt mit ihrer Hündin Tiffany

Jeanette Klemmt mit ihrer Hündin Tiffany

HundeDoc
Jeanette Klemmt, Prakt. Tierärztin
Stiftung SPI
Belforter Str. 20
10405 Berlin
Tel.: +49 (30) 826 55 43
Funk: +49 (0) 174593 77 58
Mail: jklemmt@versanet.de

Spendenkonto:
Stiftung SPI, Bank f.Sozialwirtschaft,
BLZ 10020500,Konto3112105,
IBAN: DE 65100205000003112105
BIC BFSWDE33BER
bitte unbedingt als Verwendungszweck „HundeDoc“angeben!

Hinterlasse eine Antwort