Philosophie der Dinge

Torstraße 201 – für den achtlosen Passanten bloß einer von vielen grauen Plattenbauten. An der Fassade steht in großen roten Lettern: MUSEUM. Ab und zu blinkt etwas in einem der Fenster. Ein Grund genauer hinzuschauen. Dahinter, eine vermeintlich willkürliche Ansammlung von Dingen: Stühle, Automaten, Prothesen, Puppen, Köpfe von Puppen, Musikinstrumente, Kameras …

Wer jetzt nicht den Schritt durch die Tür wagt, ist selber schuld.

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Das Designpanoptikum ist eine einzigartige Mischung aus wissenschaftlichem Museum und Kunstgalerie. In 10 Räumen sind über 1000 industrielle Objekte der letzten 100 Jahre ausgestellt. Erklärschilder sucht man hier vergeblich. Die Teile sind weder kategorisiert noch beschrieben, vermitteln aber durch ihre eigenwillige Inszenierung trotzdem Wissen und Geschichten. Alles ist echt – bloß falsch zusammengesetzt. Der Künstler und Inhaber Vlad Korneev spielt gekonnt mit dem Spannungsfeld von Funktion und Nutzlosigkeit.

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Der gebürtige Russe lebt seit vielen Jahren in Deutschland und ist ursprünglich Fotograf. Inzwischen empfindet er Fotografie aber nicht mehr als authentisch. Früher, in Instagram- und Photoshop-freien Zeiten war jeder Abzug ein Zeitdokument – ein Blick durch das Fenster der Realität. Doch die Begeisterung für Technik ließ ihn nie los. Also erzählt er die Wahrheit jetzt mit Dingen. Dreidimensional. Er konserviert Geschichten zum Anfassen.

Mal wähnt man sich als Besucher in Frankensteins Labor, mal mitten auf dem Metropolis-Filmset. Mittelalter und Science Fiction zugleich. Doch der erste Eindruck täuscht: Keines der ausgestellten Teile wurde je hergestellt oder erfunden, um jemandem Schaden zuzufügen. Im Gegenteil, so manches Objekt hat sogar schon Leben gerettet.

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Das Museum ist zur Hälfte Form und Funktion und zur Hälfte Interpretation. Im Zentrum stehen nicht nur die Objekte an sich, sondern was ihr als Besucher aus ihnen macht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ihr lasst eurer Phantasie freien Lauf und taucht ein in Vlad’s surreale Welt. Wenn ihr dabei plötzlich Stimmen im Kopf hört, ist das ausnahmsweise ein gutes Zeichen. Oder ihr versucht, über Aussehen und Form der realen Funktion auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu moderner konzeptueller Kunst haben Vlad’s Arrangements nämlich immer eine funktionale Seite. Jedes Objekt hat einen Namen, eine Funktion, eine Geschichte – teils banal, teils völlig verrückt.

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Egal welchen Weg ihr einschlagt, die Interaktion mit den Gegenständen ist zentral. Fotografieren und Anfassen ist erlaubt – ja sogar erwünscht.

Übrigens: jedem der nach dieser gehörigen Dosis surrealer Kunst noch nicht genug hat, empfiehlt Vlad einen Besuch auf dem Schrottplatz. Dort bezahlt man Kunst nach Gewicht. Für einen Euro gibt’s ein Kilo Kunst.

(LB)

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Designpanoptikum – surreales Museum für industrielle Objekte
Torstraße 201
10115 Berlin
Tel. 0157/74012991
designpanoptikum@googlemail.com
www.designpanoptikum.de

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11.00-18.00 Uhr
Eintritt: 7 € (Führungen beginnen zu jeder vollen Stunde)

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